b krisp
22. April 2020

[ Apr 2020 ]
liebe leute, liebe interessierte menschen!
ich hoffe sehr, ihr kommt alle soweit halbwegs zurecht mit dem aktuellen mist. es tut mir wahrlich schrecklich leid, derzeit keine konzerte spielen zu können. wir müssen da alle irgendwie durch. mir gehen aber auch viel zu viele schwerwiegende fragen durch den kopf, die derzeit ein locker-flockiges onlineisieren jeglicher meiner kunst beinahe verunmöglichen.

als beispiel lasst mich festhalten, warum mir etwa der begriff „social distancing“ so sauer aufstößt:

weil mit dem begriff – so man den ansagen glauben darf – eigentlich lediglich „physical distancing“ gemeint ist: man solle sich also räumlich von anderen fernhalten. als wäre das psychologisch nicht gesamtgesellschaftlich folgenschwer genug, insinuiert jedoch das omnipräsent getrommelte „social distancing“ natürlich auch – beabsichtigt oder nicht – tatsächlich auch eine soziale distanz, d.h. eine selbstgerechte gleichgültigkeit, die auf diese weise droht, zum neuen leitmotiv einer besonders aufpasserischen gesellschaft zu werden. der begriff „auf andere zugehen“, der ja im eigentlichen wortsinne eine räumliche annäherung zwischen menschen beschreibt, bedeutet im übertragenen sinne nicht umsonst die soziale interaktion schlechthin: indem ich auf einen menschen zugehe, nehme ich ihn wahr, seine verfasstheit, seine emotion, sein bedürfnis. mit dem akt des aufeinander-zu-gehens bekennt jeder einzelne von uns, dass wir auch den anderen als menschen begreifen und als solchen anerkennen. diese ursprünglichste regung sozialen instinkts wird von der parole „social distancing“ bereits schwerwiegend inkriminiert. ihren urhebern unterstelle ich dabei gar keine düstere absicht, was aber die sache nicht besser macht. das menschliche gehirn verarbeitet erwiesenermaßen am besten kurze, prägnante botschaften. daher laufen zum gegenwärtigen zeitpunkt die menschen – durch angst und verzweiflung emotional gefügig weil haltsuchend – hochgradig gefahr, dauerhaft abzuspeichern: „soziale distanz = gut“.
ich frage mich: wird nach diesem corona-fiebertraumtheater auch in vergleichbarem ausmaß die rücknahme, die klare verneinung dieser ekelhaften parole getrommelt werden? oder überdauert die maxime des rückzugs auf sich selbst als ethischer superlativ – im multimedial forcierten zeitalter der ich-AGs und me-myself-bubbles – nicht doch bei weitem die zeit der corona-krise?